TAGUNGSBERICHT

Der Havelberger Dombau und seine Ausstrahlung

23. bis 25. Oktober 2010 im Prignitz-Museum am Dom Havelberg

Dr. Wilhelm Velten, Schönfeld/Elbe


Erstmals fand eine wissenschaftliche Tagung zur Havelberger Dombaugeschichte statt. Sie wurde von den Museen des Landkreises Stendal mit Unterstützung des Seminars für Kunstgeschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg organisiert und ausgerichtet. Ziel war es, Historiker, Kunsthistoriker und Restauratoren zusammen zu bringen, um die neueren Forschungen zur 1170 geweihten Kathedrale St. Marien mit den Stiftsgebäuden öffentlich zu machen und zu diskutieren.

Im Rahmen eines sehr gelungenen abendlichen Empfangs im Rathaus durch die Stadt Havelberg begrüßten Katrin Tille von der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Landrat Jörg Hellmuth und Bürgermeister Bernd Poloski die Tagungsteilnehmer. Sie betonten in ihren Grußworten, wie wichtig die Erforschung und Veröffentlichung der Geschichte des für Sachsen-Anhalt und Brandenburg gleichermaßen bedeutenden Bauwerkes ist. Ernst Badstübner aus Berlin stellte in seinem anschließenden Festvortrag die frühesten Kirchenbauten im Zusammenhang mit der Landnahme im elbslawischen Gebiet vor. Im Zentrum standen die Prämonstratenserstifte Leitzkau und Jerichow, die Dome in Havelberg und Brandenburg.

Die Tagung am 24. Oktober fand in den repräsentativen Klosterräumen des Prignitz-Museums am Dom mit etwa 100 Teilnehmern statt.
Die Sektion zum Dombau moderierte Leonhard Helten von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im ersten Vortrag stellte Joachim Hoffmann aus Trier erstmals öffentlich die Ergebnisse seiner Dissertation über die mittelalterliche Baugeschichte des Havelberger Domes vor. Neben der Bestimmung und Abgrenzung der beiden Hauptbauzeiten vor allem anhand von schriftlichen Quellen wurde die Stellung des Entwurfs für den romanischen Neubau und den goti-schen Umbau thematisiert. Seine Erörterungen zur Bauchronologie gaben einen quellenkritischen Abriß und stellten die Argumentation anhand der wichtigsten am Bau gemachten Beobachtungen vor. Hier bleibt zu wünschen, daß bald eine Veröffentlichung der bereits 2007 angenommenen Doktorarbeit möglich ist.
Tilo Schöfbeck (aus Schwerin) und Dirk Schumann (HU Berlin) behandelten den gotischen Umbau, der sich zum größten Teil im 14. Jahrhundert vollzog, jedoch über mindestens zwei große Bauphasen und viele kleinere Bauetappen hinweg. Die neuen bauhistorischen Ergebnisse, besonders der Dendrodatierung des Dachstuhls, ermöglichen einerseits eine detalliertere Bauchronologie, bringen andererseits viele neue Fragen mit sich,
Reinhard Schmitt (LDA Halle) zog vorrangig typologische Vergleiche zwischen den Klausuren in Havelberg, Jerichow und Brandenburg, zusätzlich noch zu Leitzkau, Klosterrode und Veßra. Die drei ersteren Klausurbauten bieten interessante Fragen/Hinweise zur frühen jeweiligen Baugeschichte. Im Falle Havelbergs sind inzwischen alle wesentlichen Bauphasen dendrochronologisch datiert worden.
Im letzten Vortrag der ersten Sektion stellte Thomas Groll, Restaurator aus Magdeburg, erste Ergebnisse baubegleitender Untersuchungen, vorrangig von 2001, am Ostflügel der Klausur vor. Dabei lag der Schwerpunkt auf der Dokumentation verschiedener Farbbefunde. Eine baugeschichtliche Interpretation - noch ausstehend, ist erst nach Abschluß der noch laufenden Bauarbeiten möglich.

In der Pause trugen Führungen im Dom durch die Referenten, sozusagen am Objekt, zu anregenden und tiefgründigeren Erörterungen bei. Wenn auch nicht jeder Tagungsteilnehmer an allen Stellen zugleich teilnehmen konnte, so zeigten doch die intensiven Diskussionen ein großes Interesse an den verschiedenen Themen und offenbarten Forschungslücken.

In der durch Andreas Köstler von der Universität Potsdam moderierten Sektion Geschichte bot Clemens Bergstedt (Ziesar) einen Überblick zur Geschichte des Bistums Havelberg. Von der Stiftung im 10. Jahrhundert und der Wiedererrichtung im 12. Jh. über die Landnahme und das Verhältnis zur Landesherrschaft spannte er einen Bogen bis zur Reformation und damit zur Auf-lösung des Bistums.
Hartmut Kühne (HU Berlin) sprach über die Havelberger Bischöfe als Promotoren von Wilsnack-Wallfahrt und Ablass vom späten 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert. Bekannte und neue Quellen boten einen neuen Blick auf die ersten zwei Jahrzehnte der Wallfahrtsbewegung und deren institutionelle Ausgestaltung. Die Fortsetzung bischöflicher Aktivitäten im frühen 16. Jahrhundert wurden am Beispiel der Annenkirche von Alt Krüssow vorgestellt.
Der durch Leonhard Helten vorgelesene Vortrag des erkrankten Referenten Klaus Krüger (MLU Halle) behandelte die Bündnispolitik der Stadt Havelberg im späten Mittelalter. Untersucht wurden die Bündnisse, die Havelberg seit dem frühen 14. Jh. eingegangen ist, teils zur Verteidigung städtischer Freiheiten gegen seine Stadtherren, teils aus tagespolitischem Engagement, teils aus wirtschaftlichen Interessen, vor allem in der Vereinigung gegen adlige Friedebrecher im Rahmen der Hanse. Dieser Vortrag machte deutlich, daß Havelberg an den Beratungen der Hanse nie teilgenommen hat und ihr auch nur kurze Zeit von 1436-88 angehörte.
Frank Martin vom Corpus Vitrearum Medii Aevi der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Potsdam moderierte die Sektion „Ausstattung.“
Der erste Vortrag von Karl-Heinz Priese aus Berlin stellte die bisher nur wenig beachteten 28 mittelalterlichen Ritzgrabplatten des Domes vor. Sie erlauben wegen der Darstellung der Bischöfe und Geistlichen einen guten Überblick über den regionalen Stilwandel durch zwei Jahrhunderte.
Der anschließende Vortrag von Anja Seliger aus Berlin über das Chorgestühl zeigte, daß eine genauere Begutachtung des datierten Gestühls aus den 70er Jahren des 13. Jahrhunderts mehrfache Umgestaltungen und Umstellungen offenbarte. Anja Seliger grenzte die Zeitpunkte der Veränderungen ein und versuchte sie mit Umbauphasen des Chorbereichs zu korrelieren.
Andreas Köstler aus Potsdam behandelte die Funktionen und Gestalt der Chorschranken und ging nur kurz auf die Lettner-Chorschranke aus der Zeit um 1400 ein. Er widmete sich mehr der noch ungeklärten Frage um deren Vorgänger aus der Zeit um 1300 im Zusammenhang mit dem gotischen Umbau.
Peter Knüvener (Berlin)und Jiri Fajt (Leipzig) stellten neue Beobachtungen zur Werkstatt des Havelberger Lettners vor. Sie versuchten zwei verschiedene Bildhauer herauszupräparieren, bzw. deren Wirken an anderen Orten wahrscheinlich zu machen.
Die Steinretabel-Reliefs sowie Einzelfiguren im Dom, die noch den 1360-er bzw. 1370-er Jahren angehören, werden von ihnen in Verbindung mit dem erfolgreichen Bildhauerbetrieb am Magdeburger Dom gesehen.
Dann wurde die spätgotische Skulptur des Havelberger Lettners in einen größeren regionalen Kontext gestellt. Vielleicht hinterließ die Lettnerwerkstatt in anderen Kirchen der Region Reliefs und Skulpturen. Neue überzeugende Argumente für die Lokalisierung der Werkstatt in Magdeburg konnten sie jedoch noch nicht liefern.

Zum Abschluss der Vorträge stellte Frank Martin die Aufbereitung der Glasmalereien des Havelberger Domes für das Internet vor. Das Verfahren erlaubt, beliebig viele Details innerhalb eines Bildes untereinander zu verlinken. Für die Glasmalerei sind diese neuen Möglichkeiten reizvoll, weil damit ein auf Fernsicht angelegtes Bildmedium dem Betrachter in seiner ganzen Komplexität nahe gebracht werden kann. Mit HyperHavelberg, das für die Tagung konzipiert wurde, ist es erstmals möglich, am Computer durch die mittelalterlichen Glasmalereien des Havelberger Doms zu navigieren.

Während der abschließenden Bus-Exkursion am 25. Oktober unter Leitung von Leonhard Helten konnten 35 Tagungsgäste den fachlichen Austausch in der Backsteinbasilika Schönhausen, der Klosterkirche Jerichow und im Brandenburger Dom fortführen.

Die gut besuchte Tagung machte deutlich, wie hilfreich und notwendig es ist, die Forschungsergebnisse zusammenzuführen. Wenn auch die relativ knappen Vortragszeiten keine ausführlichen Vorträge zuließen, so war doch mit ausreichenden Diskussionszeiten ein gutes Forum für Fragestellungen und Forschungslücken gegeben. Zusammenfassend bot die erste Havelberger Dombautagung ein vielseitiges Programm, das wichtige Forschungsergebnisse vorstellte und mit seinen Gelegenheiten zum wissenschaftlichen Austausch auch die Forschungslücken und offenen Fragen herausarbeitete.
Die für 2010 geplante Publikation der Vorträge soll den aktuellen Kenntnisstand der Forschung zusammenfassen.